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Fußball

 

Russische Randale bei der EM

Foto: Marco Iacobucci EPP / Shutterstock.com

von Dietrich Schulze-Marmeling – Die Anzeichen verdichten sich, dass es sich bei der Gewaltorgie russischer Hooligans um eine professionell geplante und organisierte Aktion handelte. Das waren keine „normalen Hools“, mit denen sich die Engländer prügelten. Englische Bierbäuche trafen auf durchtrainierte Burschen, die einer paramilitärischen Truppe ähnelten. Bestens ausgebildet und in der Lage, „hyper-schnelle und hyper-gewalttätige Interventionen“ durchzuführen, wie es Brice Robin, der Staatsanwalt von Marseille, formulierte.

Offensichtlich genießt diese Gruppe die Unterstützung zumindest von Teilen der russischen Politik und des russischen Fußballverbands. Igor Lebedew, stellvertretender Präsident des russischen Parlaments und Mitglied im Vorstand des russischen Fußballverbands: „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht, Jungs! Weiter so!“ Die Hooligans hätten „die Ehre ihres Landes verteidigt und es den englischen Fans nicht gestattet, unser Land zu entweihen“. Und außerdem: In neun von zehn Fällen würden Fans zu Fußballspielen gehen, um zu kämpfen. Das sei normal.

Nicht nur Fußball

Für Lebedew geht es bei einer EM nicht nur um Fußball. Er will dem Westen vorführen, wie wehrlos, verweichlicht und schwul seine multikulturellen und liberalen Gesellschaften sind. Dazu passt auch ein Statement von Vladimir Markin, Leiter der Presseabteilung des einflussreichen Ermittlungskomitees der russischen Föderation, einer mit dem US-amerikanischen FBI vergleichbaren Behörde. Das Problem der französischen Polizisten sei, dass sie überrascht wären, wenn sie auf einen Mann träfen, der so aussieht, wie ein Mann aussehen sollte. Die Polizisten seien einfach zu sehr an schwule Mannsbilder gewöhnt – wegen der vielen Schwulen-Paraden in Frankreich.

Andrei Malosolov, Fußball-Journalist und ehemaliger Sekretär des russischen Fußballverbands, schrieb in einer Kolumne, wenn das russische Team ähnlich viel Leidenschaft zeigen würde wie seine Fans, würde es Europameister werden. Die Russen sollten stolz auf ihre Fans sein – ganz gleich, welche Konsequenzen deren Verhalten nun nach sich ziehen würde.

Maxim Mortin, Mitglied des Moskauer Stadtparlaments und in Marseille im Stadion, entdeckte im Verhalten der russischen „Hools“ „nichts Kriminelles und Unakzeptables“. Nach dem Abpfiff des Spiels wären zwar russische Fans in den Block der Engländer eingedrungen und hätten diese verfolgt, aber das sei nicht weiter schlimm gewesen.

Einzig Russlands Sportminister Vitaly Mutko mühte sich zu einer Distanzierung. Allerdings erst, nachdem er dafür kritisiert worden war, dass er nach dem Abpfiff des Spiels gegen die Engländer bei den russischen Fans stand, während einige Meter entfernt deren Kollegen auf englische Fans einprügelten. Lebedew nimmt die Distanzierung nicht weiter ernst: „Ich denke, wenn Mutko nicht als Offizieller dabei gewesen wäre, sondern bei den Fans auf der Tribüne, hätte er mitgekämpft."

Prominenter Rechtsextremist

Kopf der offiziellen russischen Fan-Vereinigung ist ein prominenter Rechtsextremist: Alexander Shprygin, der mal gemeinsam mit einem Sänger der russischen Fascho-Band Korrosija Metalla den Nazi-Gruß zeigte. Der Dynamo-Moskau-Fan ist ein Assistent von Lebedew. Shprygin ist akkreditiertes Mitglied der russischen EM-Delegation. Der Rassist möchte nur slawische Gesichter im russischen Team sehen. Als Shprygin im Netz ein vom (weißen) französischen Nationalspieler Mathieu Valbuena getwittertes Mannschaftsfoto der Equipe Tricolore entdeckte, befand er, dass mit dem Foto „etwas falsch“ sei: „zu viele schwarze Gesichter.“

Russland ist Gastgeber der WM 2018. Wenn für Russland zutrifft, was Lebedew behauptet, dass in neun von zehn Fällen Fans zu Fußballspielen gehen, um sich zu prügeln, dann kann man dort 2018 nicht hinfahren. Allerdings werden die Russen dem Westen schon zeigen, wie sie mit „Hools“ fertig werden. Frankreich 2016 und Russland 2018 sind zwei Seiten einer Medaille. Die Ausschreitungen von Marseille erfüllen den Zweck, den liberalen Gesellschaften des Westens ihre Schwäche aufzuzeigen, um dann zwei Jahre später die Vorteile eines autoritären Staates zu demonstrieren.

Aber wenn Lebedew, Malosolov, Markin, Mortin und Shrypgin keine Einzelfälle sind, sondern der russische Fußball und die russische WM-Organisation von einer Horde rassistischer, antidemokratischer, homophober und gewaltbereiter Typen regiert wird, dann sollte dort keine WM stattfinden. So wenig wie in Katar.

Starke Männer

Aber FIFA und UEFA lieben Länder, in denen starke Männer durchregieren und dafür sorgen, dass die Organisation eines Sportevents nichts zu wünschen übrig lässt. Auch wenn dabei so manches Menschenleben auf der Strecke bleibt. Das war schon vor der WM 1978 so, als Organisationschef Hermann Neuberger den Putsch der argentinischen Militärs begrüßte: „Ganz gleich, wie man diesen politischen Wechsel bewertet, wir jedenfalls haben dadurch Partner mit Durchsetzungsvermögen bekommen.“ 2013 äußerte der damalige FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke: „Das mag jetzt vielleicht verrückt klingen, aber manchmal ist weniger Demokratie bei der Planung einer WM besser. Wenn es ein starkes Staatsoberhaupt mit Entscheidungsgewalt gibt, vielleicht wie Putin sie 2018 hat, ist es für uns Organisatoren leichter als etwa in Ländern wie Deutschland, in denen auf verschiedenen Ebenen verhandelt werden muss.“ Leider vertragen sich Totalitarismus und Sport ziemlich gut. Totalitäre Regime bieten ideale Rahmenbedingungen für sportliche Mega-Events. Es gibt deutsche Sporthistoriker, die bekommen noch heute feuchte Augen, wenn sie von Olympia 1936 und unserem großen Sportführer Carl Diem sprechen.

Russland bekam nicht den Zuschlag trotz dessen demokratischer Defizite, sondern wegen dieser. Wie auch Katar. Beide Länder sind bedeutende Finanziers des Weltfußballs.

Und wer sind schon FIFA und UEFA? Gibt es diese überhaupt noch? Als moralische Instanzen ganz sicherlich nicht. Kann man diese beiden Einrichtungen nach einer Kette von Skandalen, die Ex-UEFA- und Neu-FIFA-Chef Infantino seit seinem Amtsantritt bruchlos fortsetzt, überhaupt noch ernst nehmen? Ist das, was in Marseille passiert ist, einschließlich des Beifalls russischer Politiker, Funktionäre und Journalisten, nicht auch Ausdruck eines gigantischen moralischen Vakuums, das die Blatters, Platinis und Co. über Jahre hinweg geschaffen haben?

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